Reisebericht Golgulsa-Tempel

von Raineo auf 05.06.2019

Wo die Mönche Kampfsport machen

„Tock. Tock. Tock. Tock.“ Ein hohles, hölzernes Klopfen drang sacht durch die morgendliche Stille und kam langsam näher. Ich erhob mich von meinem Nachtlager im Schlafsaal des Golgulsa-Tempels und schob die Tür ins Freie zur Seite. Aus dem Dunkel tauchte ein graugekleideter, kahlgeschorener Mönch auf, der im ruhigen Takt seines Gesangs auf ein Moktak schlug.


Es war 4 Uhr früh und obwohl ich nur sechs Stunden geschlafen hatte, fühlte ich mich frisch und ausgeruht. Ich wusch mich, zog mich an und machte mich rasch auf den Weg zur Buddha-Halle. Wer die Morgenandacht um 4.30 Uhr verpasste, musste zur Strafe 3.000 Verbeugungen machen, hatte es geheißen. Der Humor gefiel mir – oder war das womöglich ernst gemeint? Als ich ankam, füllte sich der Gebetsraum bereits mit Mönchen und Gästen, die wie ich für einen Tag am Leben in einem buddhistischen Tempel teilnehmen wollten.

Zunächst sangen wir, erneut begleitet vom Klopfen eines Moktaks. Die Form dieses handgroßen Instruments aus Holz soll an einen Fisch erinnern. Da sie nie schlafen, symbolisieren Fische im Buddhismus Wachsamkeit. Es gab keine Noten, nur Zettel mit den Texten auf Koreanisch und Englisch, daher konnte ich den mir unbekannten Gesängen kaum folgen. Auch bei den Verbeugungen kam ich nur mit Mühe hinterher und war froh, dass ich keine 3.000 machen musste.

Nach einer halben Stunde setzten wir uns mit verschränkten Beinen auf den Boden, um zu meditieren. Im Zen-Buddhismus (koreanisch: 선, Seon) ist die Sitzmeditation (좌선, Jwaseon) die wichtigste Übung. Seit der Fußball-WM 2002 bieten immer mehr Tempel Programme mit Übernachtung und Meditation für Besucher an. Amely, Jagaa, Sebastian und ich hatten uns für Golgulsa entschieden, weil hier außerdem eine uralte Tempelkampfkunst namens Seonmudo (선무도) praktiziert wird. Sie soll Körper, Geist und Atem in Einklang bringen und zur vollkommenen spirituellen Versenkung führen.

Ein Tag im Golgulsa-Tempel

Tags zuvor hatten wir am Seonmudo-Training teilgenommen. Zunächst hatte sich jeder eine blaue Kunststoffmatte genommen und darauf anstrengende Dehn- und Streckübungen gemacht, die an Yoga oder Qigong erinnerten. Anschließend waren wir in verschiedenen Bewegungsabfolgen durch den Saal gehüpft und gesprungen. Wir hatten uns z. B. mit allen Vieren vom Boden abgestoßen, um dann wieder auf Händen und Füßen zu landen. Diese Figur hieß „Katze“ und machte Amely und Jagaa so viel Spaß, dass sie ein paar Tage später erneut vergnügt auf diese Weise umherhopsten, als wir an einem Lotusblumenteich in Gyeongju Fotos machten.

Während wir Anfänger in der einen Hälfte des Raumes gehörig ins Schwitzen kamen, führten die Mönche in der anderen Hälfte scheinbar mühelos Übungen durch, die eine enorme Körperbeherrschung verlangten. Offenbar brauchte es jahrelanges diszipliniertes Training, um beim Seonmudo einen meditativen Zustand zu erreichen und nicht schon bei der Aufwärmgymnastik außer Atem zu kommen. Vielleicht hatte ich danach so gut geschlafen, weil ich vom Training erschöpft war?

Nun fiel es mir schon schwer, mich beim Stillsitzen auf meinen Atem zu konzentrieren, weil meine Beine in der ungewohnten Sitzhaltung schmerzten und meine Gedanken abschweiften. Ich war froh, als die Meditation zu Ende war und es gegen 6 Uhr endlich Frühstück gab. Da Sonntag war, fand eine Barugongyang-Zeremonie (발우공양) statt. Alle setzten sich auf den Boden des Speisesaals und jeder erhielt vier ineinander gestellte Plastikschüsseln, die mit einem Tuch umwickelt waren, in dem ein Paar Stäbchen steckte.

Nachdem wir alles anweisungsgemäß vor uns aufgebaut hatten, verteilten Novizen verschiedene Speisen, von denen wir uns nur so viel nehmen sollten, wie wir aufessen konnten, da kein Essen verschwendet werden durfte. In der Tempelküche wird nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Knoblauch und Zwiebeln verzichtet, daher schmeckten viele Speisen für koreanische Verhältnisse ungewohnt mild. Alle bekamen das Gleiche und aßen schweigend, denn die meditative Essenszeremonie sollte unsere Einheit und Harmonie fördern.

In welche Schüsseln etwas zu essen oder zu trinken kam, war ebenso vorgeschrieben, wie die Reihenfolge, in der sie nach Abschluss des Mahls mit etwas dünnem Tee und einem Stück Kimchi gesäubert werden mussten. Nachdem wir den Tee getrunken und den Kimchi gegessen hatten, sollten wir die Schüsseln mit Wasser nachspülen und dieses dann in einen Behälter gießen, mit dem ein Novize reihum ging. Hätte niemand einen Fehler gemacht, wäre darin am Ende klares Wasser gewesen.

getrübte Harmonie?

Aber irgendjemand hatte nicht aufgepasst und Tee oder schmutziges Wasser in den Behälter gegeben, ohne dass der Novize dies bemerkt hatte. Für seine Unachtsamkeit musste er sich vor uns allen eine Standpauke vom Großmeister des Tempels anhören, die mir überzogen vorkam. War das reine Wasser als Symbol des einheitlichen, klaren Geistes der Versammelten wichtiger als die durch die Standpauke getrübte Harmonie?

Der Großmeister ließ sich bei der anschließenden Teezeit von einem jungen Mönch vertreten, der unsere Stimmung mit seiner besonders fröhlichen Art schlagartig wieder aufhellte. Wer eine spezielle Teezeremonie erwartet hatte, wurde allerdings enttäuscht. Wir saßen im Halbkreis auf dem Boden vor dem Mönch, der an einem niedrigen Tisch grünen Tee für uns zubereitete, in kleine, tönerne Schalen goß und uns reichte. Während wir in aller Ruhe das wohltuende Getränk genossen, hatten wir Gelegenheit, ihm Fragen zu stellen. Er erklärte die Standpauke des Großmeisters ganz banal damit, dass Untergebene eben die Anweisungen von Ranghöheren zu befolgen haben.

Der fröhliche Mönch war mindestens so neugierig wie wir, also stellten wir uns nacheinander vor. Unter den Gästen befanden sich nicht nur Ausländer, sondern auch zwei koreanische Studenten aus der etwas weiter südlich gelegenen Stadt Ulsan. Sie waren Christen und wollten mehr über das buddhistische Erbe ihres Landes erfahren. Meine beiden Freunde Amely und Sebastian aus Deutschland, die erst seit wenigen Tagen zu Besuch in Korea waren, schilderten dem Mönch ihre ersten Eindrücke. Sie waren beeindruckt von der Atmosphäre im Tempel. Jagaa interessierte sich für Taekwondo und kannte buddhistische Tempel aus der Mongolei. Sie hatte aber noch nie in einem übernachtet und erzählte ein wenig über die unterschiedlichen Praktiken des Buddhismus in ihrer Heimat.

Eine junge Engländerin mit langen, dunklen Haaren verriet dem Mönch, dass sie drei Monate im Tempel bleiben würde, woraufhin er begeistert „I’m so happy!“ ausrief und im Laufe des Gesprächs zweimal „You are so beautiful!“ zu ihr sagte. Die Engländerin schien darüber nicht besonders glücklich zu sein. Sie war den weiten Weg sicher aus spirituellen Gründen gekommen, und nicht, um von einem Mönch Komplimente für ihr Aussehen zu bekommen. Auf der anderen Seite wollte der Mönch bestimmt nicht sein Keuschheitsgelübde brechen. Im Buddhismus kommt es darauf an, alles so zu sehen, wie es wirklich ist, und die junge Engländerin war tatsächlich sehr schön.

Ein traditioneller koreanischer Tempel

Inzwischen war es längst hell geworden an diesem sommerlich warmen Julimorgen. Während Amely und Sebastian einen Ausflug zum Unterwassergrab von König Munmu an der nahegelegenen Küste machten, erkundeten Jagaa und ich das Tempelgelände näher.

Die Lage traditioneller koreanischer Tempel wurde nach den Prinzipien von Feng Shui (풍수, Pungsu) ausgewählt, damit sie sich harmonisch in die natürliche Umgebung einfügten. Sie befinden sich meist im Gebirge, so auch Golgulsa. Im 9. Jahrhundert wurde in den Berg Hamwolsan (함월산) ein vier Meter hoher Buddha gemeißelt. Er ist von Felshöhlen umgeben, die seit der Gründung des Tempels im 6. Jahrhundert als Gebetsräume genutzt werden.

Auf dem Weg dorthin wurden wir ein Stück weit von einem zutraulichen Hund mit hellem Fell begleitet, der an seinem Halsband aus dicken Holzkugeln als Tempelhund erkennbar war. Die Mönche hatten einen seiner Vorfahren so sehr ins Herz geschlossen, dass sie ihm ein Denkmal gebaut hatten. Der steinerne Hund trug dieselbe hölzerne Kette wie seine lebenden Artgenossen. Andere Statuen standen in auffälligem Kontrast zueinander: ein lachender, dickbäuchiger Buddha und grimmige, muskelbepackte Wächter.

Das letzte Stück bergauf war besonders steil und felsig. Wir hangelten uns an den zur Sicherheit befestigten Seilen entlang, dann endlich erreichten wir die Höhlen. In Wandnischen gab es Altäre und steinerne Buddhastatuen zu sehen. Das eigentlich Spektakuläre aber waren der Anblick des riesigen in den Fels geschlagenen Buddhas und die Aussicht auf das unter uns ausgebreitete Tal. Baumbewachsene Berge so weit man sehen konnte umgabenen uns.

Der krönende Abschluss war eine Seonmudo-Vorführung für die Templestay-Teilnehmer. Wenngleich buddhistische Mönche mehrfach in der koreanischen Geschichte gegen Invasoren gekämpft hatten, bekamen wir keine Zweikämpfe zu sehen. Vielmehr schien es mir, als kämpften die Mönche des Golgulsa-Tempels gegen unsichtbare Gegner. Aber wer könnten diese Gegner sein? Ich ging mit der Erkenntnis, dass Seonmudo kein gewöhnlicher Kampfsport ist und sich seine Geheimnisse nicht an einem Tag entschlüsseln lassen.

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Raineo

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