Reisebericht Peru

von senseflyer auf 23.05.2019

Besteigung des Vallunaraju

Nach der vor Tagen gescheiterten Gipfelbesteigung des Nevado Pisco (5752 M) und den kostspieligen zur Verfügung gestanden Alternativen des Nevado Tocllaraju (6034 M - 550 USD*) und dem laut deutschen Alpenverein „schönsten Berg der Welt“, dem Nevado Alpamayo (5947 M - 1200 USD*), liebäugelte ich schon lange mit dem für 140 USD* fast geschenkten und von Huaraz aus wie ein Gemälde zu betrachtenden Nevado Vallunaraju (5686 M). Ich wollte die Ästhetik dieses Berges, seine Farb-, Fels- und Gletscherformationen nicht nur von unten, sondern zum Greifen nahe erleben. Ich wollte ihn spüren, fühlen, riechen und schmecken und zuvorderst, ich wollte meine Perspektive auf den Kopf stellen und nicht von Huaraz auf sein erhobenes Haupt, sondern von seinem erhobenen Haupt auf Huaraz blicken und das dahinter verborgene Gipfelpanorama offenbart bekommen.


Huaraz 

Es ist ein sonniger und noch frischer Donnerstagmorgen. Ich werde von meinem Guide Walter und seinem Assistant Guide**, nennen wir ihn Mike, in einem Taxi vor meiner Unterkunft abgeholt. Da es bis gestern nicht klar war, ob ich mit einem Guide alleine zum Gipfel aufbrechen werde, bin ich froh, dass sich außer dem Assistant Guide keine anderen Bergenthusiasten für die morgige Besteigung entschieden haben. Zu nah und zu viel waren mir bei meiner letzten Climbingtour zum Nevado Pisco die Übernachtung in einem 5-Mann-Zelt mit mir unbekannten Bergkameraden.

Nach etwa 3 Stunden erreichen wir das in 4900 Meter liegende Basecamp. Dort schlagen wir nach kurzer Zeit auf einer ebenen Fläche unser Drei-Mannzelt auf und lassen es gemütlich angehen. Wir haben frühe Mittagszeit und noch den ganzen Nachmittag vor uns, weiterhin wollen wir für den morgigen Gipfelaufstieg Kräfte sparen. Ich merke die Höhe, habe zwar kein Kopfweh (mit einer Aspirintablette vorgebeugt), muss aber nach kürzeren Laufpassagen immer wieder eine Pause einlegen und nach Luft schnappen (auf dem Weg zum Gipfel fühlte ich mich wie ein alter Mann, der nach der kleinsten Anstrengung innehalten muss).

Nachdem das Zelt aufgebaut ist gibt es eine kalte Zwischenmahlzeit: Ein Käsebrot, zwei süße Schnacks, eine Banane und Orange, dazu einen Kokatee und Brot, Brot, Brot. Wir genießen dabei die Aussicht: Die tief beeindruckende Eiswände und die in der Sonne funkelnden Gletscherflächen des Ranrapalca auf der uns gegenüberliegenden Seite, der von uns aus ersichtliche kleinere Vorgipfel unseres morgigen Zieles. Der Blick auf Huaraz wird durch die vorgelagerten Hügel verdeckt, dagegen sind die ganz oben mit Eis bedeckten Übungsberge Nevado Pastoruri (5240 Meter) und Nevado Tuco (5479 Meter) in südöstlicher Richtung auszumachen.

Die Essensvorbereitung

Um 16.30 Uhr fangen meine Guides mit der Essensvorbereitung an. Der Benzinkocher wird angemacht, vom nahe liegenden Gletscherbach Töpfe mit Wasser geschöpft (da das Wasser zum Kochen gebracht wird, entfällt eine Micropur***-Behandlung). Vorweg gibt es Suppe mit Champignons und Spinat - Knorr lässt grüssen, danach einen mit frischen Kokablättern zubereiteten Tee (hilft gegen die Symptome der Höhenkrankheit), abschließend Spaghetti mit Tomatensoße und klein gehackten Käsestückchen. Die Sonne ist inzwischen hinter den Bergen verschwunden, nur der Gletscherrücken des Ranrapalca wird noch von ihr angestrahlt.

Erkundung des Geländes

Wir durchstreifen die erste halbe Stunde steiniges und unwegsames Gelände bis wir kurz nach 2 Uhr den Gletscherrand auf 5000 Meter erreichen. Dort holen wir unser Eisequipment aus den Rucksäcken: Eispickel, Steigeisen, Gamaschen und einen an der Hüfte passend zu recht gezurrten Gurt an dem das Sicherungsseil angebracht wird. Mein Guide fühlt sich durch meine falsch mitgebrachten Schneeschuhe etwas unwohl und versucht den Fehler durch verstärktes Engagement beim Anbringen meiner Ausrüstung auszugleichen. Seine Idee bestand darin, über meine drei paar Socken eine Plastiktüte zu binden um sich von innen bildende Feuchtigkeit zu vermeiden, was sich im nach hinein als denkbar schlechte Lösung herausstellen sollte. Auf dem Gletscher lösten sich immer wieder die zuvor mühevoll angebrachten Steigeisen von meinen Schuhen, die ja nicht dafür vorgesehen waren. Nachdem wir nach ca. 10 Minuten unser Eisequipment angebracht haben, durch die fehlende Bewegung spüre ich schon wieder meine kalten Hände und Füße, betreten wir den Gletscher, der die nächsten 6 Stunden unser Grundbelag ist. Es wird kälter und kälter.

Kalte Füße auf dem Weg nach oben

Der Guide meint, dass es seinen Erfahrungen nach (er war schon mehrmals auf dem Gipfel) um die minus 15 Grad kalt sein müsse. Beim langsamen, mühevollen Aufsteigen merke ich, dass meine Füße durch die Bewegung nicht wärmer werden. Ich spüre sie nicht mehr richtig und muss dringend etwas unternehmen. In Gedanken ging ich verschiedene Lösungsvarianten durch und kam zu dem Schluss, dass drei paar Socken plus die Plastiktüte zu viel für meinen Bergschuh sind, dadurch auch meine Zehen zu nah am Leder sind und mit der Plastiktüte nun überhaupt keine Luftzirkulation und Atmung mehr stattfinden könne. Ich muss mich schnellstmöglich von einem paar Socken und vor allem der darüber angebrachten Plastiktüten trennen. Leichter gesagt als getan. Es wird eine mühevolle Prozedur. Erst mussten die Steigeisen, dann die Gamaschen und zuletzt die Schuhe aus- und danach wieder angezogen werden – und das bei für mich bestialischen Außentemperaturen. In der Bewegung sind die Temperaturen noch erträglich, aber beim längeren Stehen bzw. im Schnee liegen? Ich beobachte den Guide wie er sich ohne Handschuhe mit meinen Steigeisen, Gamaschen und Schuhen abrackerte. Ich kann ihm kaum dabei helfen, da ich zwecks besserer Anbringung entsprechend verdreht im Schnee liege. Nicht nur bei dieser Aktion merke ich, wie sensibel und kälteempfindlich ich auf widrige Elementarbedingungen reagiere. Was mich zusätzlich ärgert: Mein Guide trägt nur ein paar Socken und hat trotzdem warme Füße und ich friere noch bei drei übereinander gelagerten Sockenschichten und was mich noch mehr in Rage bringt: Bei topverarbeiteten und teuren Funktionssocken.

Die Sonne und das Ende des Tages

Nach etwa 10minütigem Gipfelaufenthalt steigen wir langsam wieder ab. Die Sonne bricht hinter den Berggipfeln hervor und wärmt uns nach dieser gottverdammten Kälte mehr und mehr auf. Ich sehe nun, was mir in der Nacht des Aufstieges verborgen geblieben ist. Nach drei Stunden Abstieg erreichen wir wieder das Ende des Gletschers. Was mich erfreut: Mein Guide ist ebenfalls geschafft und möchte nur noch schlafen. Nachdem wir unser Eisequipment in unsere Rucksäcke verstaut haben, möchte ich noch aus meiner mitgeführten Wasserflasche trinken, welche beim Gipfelaufstieg kaum in Gebrauch war. Das Wasser ist inzwischen gefroren und ich begnüge mich mit einem mir vom Guide angebotenen Schokoriegel, wohl wissend, das wir nach kurzer Zeit unser Basecamp erreichen um dort verloren gegangene Flüssigkeit wieder aufzunehmen. Nach 15 Minuten über Schotter und Steine erwartet uns im Basecamp schon unser Assistant Guide, der während unser Abwesenheit auf unsere zurückgelassene Ausrüstung aufgepasst hat und wie beneidenswert, sich nach unserem Gipfelaufbruch im Zelt wieder aufs Ohr gelegt hat. Es gibt nochmals Tee, Brot und Obst. Danach bauen wir das Zelt ab, packen unsere sieben Sachen und laufen noch eine Stunde bis zu unserem Ausgangspunkt in 4400 Meter Höhe. Von dort holt uns nach etwa dreißig Minuten der vorher über Handy angeforderte Taxifahrer ab und bringt uns sicher nach Huaraz zurück. Unten angekommen, es ist inzwischen früher Mittag, spendiere ich den Guides noch ein kleines Trinkgeld und lasse mich vom Taxifahrer vor der Türe meiner Pension abladen. Ich bin müde, fertig und glücklich. Nachdem ich meinen Rucksack ausgepackt habe, mich unter der Dusche vom letzten Dreck zurückliegender Tortour entledigt habe, gönne ich mir bei strahlendem Sonnenschein auf meiner Dachterrasse noch ein Bier und falle danach scheintot ins Bett, froh wieder richtig durchatmen zu können und nehme meine Erfahrungen und Fotos mit in das Land der Träume. Was gibt es mehr?

Perus Berge - ein Traum

Warum setzen sich Menschen ganz bewusst solchen harten, unmenschlichen, ja geradezu lebensfeindlichen Bedingungen aus - und zahlen dafür noch eine Menge Geld? Sind dies vom Abenteuerdrang geblendete Idioten, oder vom Explorationstrieb aufgefressene Masochisten? Nein, Berge sind dazu da um bestiegen zu werden und um seinem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen. Sie eröffnen neue Horizonte und Sichtweisen – von oben, darüber hinaus und in das eigene Selbst. Wir quälen uns für einen kurzen Augenblick in den Himmel, einen Augenblick der alles andere vergessen lässt, nämlich der Augenblick des Gipfelglückes. Auf dem Weg dorthin haben wir unser Limit verrückt, verborgene Kräfte und Energien freigesetzt und uns neu erfahren und entdeckt. Wir haben über uns Selbst und die Natur einen Sieg errungen. Wir sind Helden für diesen einen Augenblick. Wir sind im Einklang mit der uns in ihrer unendlichen Schönheit euphorisierenden Natur. Alles kostet seinen Preis und ich werde es wieder tun. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber vielleicht schon nächste Woche oder nächsten Monat. Was muss ich doch für ein Idiot sein ;-).

Zu guter Letzt ist die subjektive Sichtweise des Betrachters entscheidend. Obwohl der Nevado Vallunaraju unter erfahrenen Alpinisten als leicht eingestuft wird, war er meinerseits eine große Herausforderung und eine wortwörtlich herausragende Erfahrung.

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senseflyer

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