Reisebericht Guatemala

von gentleman_on_dem am 05.06.2019

die Seele der Erde oder das versunkene Mayareich

Der Mythos der Mayas, unberührte Urwälder, der Duft von Hochlandkaffee, das Flair gehobener Rauchkultur, die Eleganz von karibischem Rum - all das und noch viel mehr ist Guatemala.


Guatemala ist ein reiches Land. Auch wenn die wirtschaftlichen Fakten dies nicht unterstreichen, die reichhaltigen Schätze in Natur und Kultur sind ein echter, touristischer Geheimtipp, der den kleinen Staat in Zentralamerika zu einem Paradies für Genießer erhebt. 

Unwirklich wie eine untergegangene Stadt erheben sich die Ruinen der Pyramiden aus dem Urwald des Petèn. Die feuchtwarme Luft drückt schwer, es regnet aus dem wolkenverhangenen Himmel, aber dieser Regen ist angenehm, wie von einer warmen Dusche. Der Chaac, der Regengott der Maya begrü?t uns in seinem Reich und zeigt uns gleich wer hier regiert, sinniere ich so vor mich hin.

Ehrfurcht überfällt mich, als ich einen der Pyramidentempel des archäologischen Ortes Yaxhà erklimme und über die Wipfel der Urwaldriesen hinwegblicke. Da sitze ich nun oben auf der höchsten Stufe eines Mayatempels am anderen Ende der Welt, 9000 Kilometer von der europäischen Heimat entfernt, mitten in Guatemala. Ich lasse die letzten Tage Revue passieren, meine Ankunft in der Hauptstadt Guatemala Cidud mit ihrer unspektakulären Gro?stadt-Architektur, der krasse Gegensatz der ärmlich wirkenden Baracken im Petèn, dem Norden Guatemalas, die dennoch immer lachenden Gesichter von Dorfbewohnern, die unserer Gruppe fröhlich zuwinkten, auf der Fahrt nach Tikal. Vielleicht hätten wir uns doch mehr auf das Leben und Umfeld dieser Menschen konzentrieren sollen, als auf den Nationalpalast der Kultur in Guatemala City, in dem am 29. Dezember 1996 der Jahrzehnte andauernde Bürgerkrieg beendet wurde.

Der Dschungel ist unberechenbar und voller Leben

Und während ich so vor mich hindämmere, reißen mich grollende Schrei aus meinen Gedanken, eine Horde Brüllaffen hastest aufgeschreckt durch die Baumkronen, schon wieder haben Touristen ihre Ruhe gestört. Die Antwort erfolgt prompt. Wütend wirft einer der Affen einen dicken Ast aus den Bäumen und trifft beinahe unsere Kamerafrau, die erschrocken zur Seite springt. Der Dschungel ist unberechenbar und voller Leben. Nie gehörte Vogelstimmen, Krächzen, Pfeiffen, Schnarren dringen an mein Ohr, riesige Spinnen hängen träge in ihren Netzen, einen Moment der Unachtsamkeit und man läuft hinein. Ich bin hellwach, die Realtiät des Urwaldalltags hat mich wieder. Das Brüllen der Affen klingt mir noch tagelang in den Ohren.

Noch einmal werde ich diese Atmosphäre am nächsten Tag erleben, als wir im UNESCO Weltkulturerbe, dem Tikal-Nationalpark noch viel größere Tempelruinen in Augenschein nehmen. Ohne Scheu läuft mir hier eine Horde Nasenbären um die Füße herum auf der Suche nach Nahrung, sie kennen keine Angst vor den Besuchern, schade, denke ich so bei mir, es wirkt doch alles so urwüchsig, die Zivilisation kehrt zurück. Im 4. Jahrhundert beherbergte dieses Gebiet auf 130 Quadratkilometern fast 60.000 Menschen, bis heute sind nicht alle Mayastätten wiederendeckt, die Mystik und das Rätsel um diesen geheimnisvollen Ort faszinieren mich.

Am Rio Dulce

Weiter geht es Richtung Süden. Der klimatisierter Minibus mit unserer kleinen Gruppe gondelt durch das Land, durch lebendige Dörfer, grüne, undurchsichtige Urwaldgebiete bis wir endlich, zahlreiche Autostunden später den Izabal-See und den Rio Dulce erreichen. Und während wir geräuschlos durch die Mangrovenwälder des Biotops Chcón Machacas schippern lausche ich den Stimmen des Dschungels, die zu uns dringen. Fischer in Einbaum-Booten werfen Netze aus und winken uns fröhlich herüber, immer wieder tauchen an den Ufern Pfahlbauten auf, kleine Holzhäuser der Maya aber vereinzelt auch prächtige Anwesen. Belustigt denke ich daran, dass an diesem historischen Film-Drehort Johnny Weissmüller in den 30er Jahren in der Rolle des Tarzan durch die Bäume gesprungen ist.

Das schier unendliche grün der Wälder beruhigt, nur der leise tuckernde Motor unseres erinnert uns daran, dass wir nur Beobachter dieser Idylle sind. Vorbei an der Vogelinsel „isla de pàjaros“, wo wir den tiefen Lauten der Kormorane lauschen, vorbei an den schwimmenden Gärten „jardines flotantes“ gelangen wir endlich zur laguna del mal cocinado, Lagune der „schlechten Küche“ nennt es der Einheimische wegen seines stehenden Gewässers. Es ist ganz still plötzlich, sogar der Motor unseres Bootes ist verstummt. Nur das Zirpen und Zwitschern der Vögel und die Laute der Kormorane sind zu hören. Plötzlich glaube ich zu wissen, warum Guatemala den Beinamen „Seele der Erde“ trägt. Diese Ruhe ist paradiesisch, der Frieden dieses Ortes einzigartig. Ich spüre, im Zentrum der „Seele“ angekommen zu sein und die Erhabenheit, ja der fast schon sakrale Charakter dieser Naturidylle lä?t uns alle für einen Moment verstummen.

Langsam schippern wir weiter, legen einen kurzen Zwischenstopp an einer heißen Schwefelquelle am Flussufer ein, die zum Baden einlädt und gelangen dann zu einem echten Urwaldkrankenhaus dem

La Coperativa Ak Tenamit am Ufer des Rio Dulce. Wir erfahren, dass hier mehr als 16.000 Eingeborene aus 125 Dörfern betreut werden – von nur einem Pfleger mit seinem Gehilfen. Ein Arzt kommt 2 Mal pro Woche zur Visite. Beklommen setzen wir unseren Weg fort in Richtung Karibikküste. Die Artenvielfalt des Urwalds und die reichhaltige Vegetation bringen uns auf andere Gedanken.

Die karibische See kündigt sich uns an, der Rio Dulce wird breiter, ein Pelikan begleitet unser Boot eine Weile und der grauverhangene Regenwaldhimmel tauscht sein Kleid gegen einen strahlenden Sonnenschein. Wir erreichen den Golf von Honduras und das bunte, quirlige Städtchen Livingston. Ganz anders als noch wenige Kilometer zuvor, begegnet uns hier die Umgebung. Farbige Holzhäuser im karibischen Stil, Reggae-Rhytmus und die schwarze Bevölkerung der Garifunas prägen das Stadtbild. Beschwingt bummeln wir durch die Straßen und lassen uns treiben von der fröhlich-lebendigen Atmosphäre. Fast in Sichtweise liegt der Nachbarstaat Belize.

Antigua und das Hochland

Wir verlassen den feucht warmen Norden Guatemalas und setzen unsere Reise fort nach Antigua, der ehemaligen Hauptstadt, die im 17. Jahrhundert durch einen gewaltigen Vulkanausbruch ein jähes Ende seiner Glanzzeit fand. 16 Mal zerstörten Vulkane und Erdbeben die Stadt, so dass man schlie?lich beschloss, Guatemala City als neue Hauptstadt zu gründen. Hier lebt die Geschichte, aufgebaut wie im ursprünglichen Kolonialstil sind die meisten Häuser eingeschossig, auch zum Schutz vor eventuellen, neuen Erdbeben. Zahlreiche Ruinen neben ziegelgedeckten Häuschen und prachvollen Villen, säulenverzierte Kirchen und kopfsteingeplasterte Straßen zeugen von dem Glanz der untergegangenen Stadt, die mit viel Raffinesse und Aufwand zum lebendigen Museum wiederbelebt wurde. Die faszinierende Kombination europäischer Techniken gepaart mit einheimischer Fertigkeit erstaunt uns – wir genießen auf einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt die Kuriosität des Flairs, verweilen auf einem der ruhigen, grünen Plätze mir plätscherndem Brunnen und lassen uns beeindrucken von Antiguas Umgebung – die imposanten Vulkane Agua, Acatenango und der noch immer aktive Fuego. Klänge der Marimba, dem gualtemaltekischen National-Instrument begleiten uns, überall in der Stadt spielen Musikgruppen auf den Stra?en.

Ich erkunde das Leben in den kleinen, oft verwinkelten Gassen und stoße auf mancherlei Kuriositäten, die das Herz eines Genie?ers höher schlagen lassen und dem mittelamerikanischen Ambiente den letzten Schliff verpassen - eine Schokoladenmanufaktur, in der der einheimische Kakao zu kleinen Kunstwerken verarbeitet wird oder ein Kaffeemusem mit dazugehöriger Rösterei, aber auch ein Zigarrenladen mit einheimischen Tabakprodukten oder karibischen Rum finde ich hier.

Uns zieht es weiter in das Hochland, das Klima wird rauer, die Menschen in den Dörfern zeigen andere Trachten und Bekleidungen, als noch im feuchtheissen Petèn. Immer höher in die Berge geht unser Weg, bis wir das kleine Quiché-Städtchen Chichicastenango erreichen. Schwer beladene ?Überlandbusse transportieren Mensch und Gepäck in die Stadt, dessen Hauptattraktion der farbenprächtige Donnerstags- und Sonntagsmarkt ist. Ich dränge mich durch die überfüllten Marktgassen. Das ist eine Lebendigkeit, Ladinos, indianisch-spanischen Mischlinge, bieten ihre Waren aus dem Hochland, vor allem Textilien, Holzschnitzereien und Keramik an. Da wird gewogen, gefeilscht und gekauft was der Geldbeutel hergibt, für die Menschen der Umgebung ist dieser Handelsplatz die einzige Einkaufsmöglichkeit.

Ich gelange zu der bekannten Santo-Tomás-Kirche, die 1540 von den Dominikanern erbaut wurde, direkt an der Stelle eines ehemaligen Mayatempels. Die Atmosphäre hier ist geprägt von dichtem Gedränge, Nebel von Harzrauch und aromatischen Essenzen, die die Luft zerschneiden. Stapelweise frische Blumen werden als Opfergaben verbrannt. Schamanen murmeln Gebete, auf kleinen Altären raucht und qualmt es. Eine mystische Atmosphäre umgibt diesen Ort, der Zauber der Indigena-Geistlichen ergreift mich.

Wieder kommen die Gedanken an die Mayakultur und der leichte Schauer der Erhabenheit in mir auf, den ich schon bei den Pyramiden im Tikal-Nationalpark erfahren habe. Guatemala ist ein Land zwischen Moderne und Tradition, zwischen Mayakultur, Relikten der Kolonialzeit und dem Aufbruch in die industrielle Hochkultur des Westens.

Der Atitlan-See

Meinen Überlegungen nachhängend gelange ich zur letzten Station der Reise, nur eine Autostunde von Chichicastenango entfernt – Panajachel am Atitlan-See. In diesem, bereits zu Hippie-Zeiten in den 1960er Jahren bekannten Ort treffe ich einen Aussteiger aus Deutschland. Es ist der deutsche Honorarkonsul, der sich hier Ende der 80er Jahre niedergelassen hat und nun einige Gastronomiebetriebe unterhält. Er betreut die deutschen Besucher des Landes mit ihren Sorgen. Wir sprechen über Schönes und weniger Gutes in Guatemala, über die Zukunft und mystische Erlebnisse des Konsuls, seine Versuche, der Bevölkerung zu helfen und die letzten 10 Tage meiner Reise ziehen in Gedanken an mir vorbei, meine Erlebnisse in diesem Paradies voller Gegensätze, in dem noch heute 22 verschiedene Mayasprachen gesprochen werden.

Es stimmt mich froh, meine Reise an diesem Ort zu beenden. Der Atitlan-See, der bereits von dem englischen Schriftsteller Aldous Huxley als „das schönste der Welt“ beschrieben wurde, als ein Produkt vulkanischer Explosion sicherlich eines der spektakulärsten Orte Mittelamerikas. Der scheinbar perfekte Ort sich niederzulassen. Hätte mir der Konsul bloß nicht noch erzählt, dass eben dieser See von den Einheimischen als Müllkippe genutzt wird.

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