Reisebericht Görlitz

von Sfintu am 30.06.2020

Auferstanden aus Ruinen

Sie liegt an der Neiße. Sie ist die größte Stadt der Oberlausitz und die östlichste Stadt Deutschlands. Sie war die Heimat des Philosophen Jacob Böhme und ist die Heimat des Fußballstars Michael Ballack. Sie stand zur Wahl als Kulturhauptstadt Europas 2010 und unterlag nur knapp der Mitbewerberin Essen. Görlitz hat fast 4.000 denkmalgeschützte Häuser aus der Zeit der Renaissance, des Barock, des Klassizismus und des Jugendstils. Damit gilt Görlitz als größtes Stadtdenkmal in Deutschland.


Die Kulturdenkmäler

Zu DDR-Zeiten waren die meisten dieser Kulturdenkmäler völlig heruntergekommen und nahezu abbruchreif. Nach der Wende wurden sie Stück für Stück liebevoll restauriert. Mehr als 90 Prozent der Gebäude sehen heute wieder aus wie in ihren besten Tagen. Für viele Einheimische und Besucher ist Görlitz deshalb eine Kulturhauptstadt der Herzen: "auferstanden aus Ruinen, der Zukunft zugewandt" - so wie es der alte Johannes R. Becher in seiner DDR-Hymne besungen und doch ganz anders gemeint hat...

Heute klingt die Becher-Hymne wie für Görlitz gemacht, aber zu DDR-Zeiten muss sie in den Ohren von Wolfgang Eckstein wie blanker Hohn geklungen haben. Der Görlitzer Stadtführer erinnert sich noch gut daran, wie es damals hier ausgesehen hat: Eine Bruchbude neben der anderen. Er reicht Fotos herum, die uns Touristen einen Schreck einjagen. Wäre die Wende damals nur ein paar Jahre später gekommen, sagt er, hätte man Görlitz nicht mehr retten können. Umso erstaunter sind wir, was nach der Sanierung draus geworden ist: nämlich ein Juwel neben dem anderen.

O-Ton: "Erstens mal sagt ja auch Professor Kiesow von der Stiftung Denkmalschutz, dass es die schönste Stadt Deutschlands sei, wobei diese Superlative ja immer fragwürdig sind. Aber wir finden, wie wir jetzt hierher gekommen sind, Görlitz wirklich als eine ganz besondere Stadt."

Die Görlitzer Altstadt

Allein für die wenigen Meter vom Obermarkt zum Untermarkt benötigt unser Stadtführer eine volle Stunde, weil beinahe jedes Haus seine Geschichte und seine Geschichten hat. Im einen übernachtete Napoleon, beim andren ist es der kunstvoll verzierte Torbogen, auf den uns Wolfgang Eckstein aufmerksam macht, beim dritten sind es die Fassaden-Reliefs mit biblischen Motiven. Die Görlitzer Altstadt sieht aus wie eine lebendige Filmkulisse - und das war sie auch schon häufig.

O-Ton: "Also hier im unteren Teil zum Beispiel ist vor zwei Jahren der Hollywood-Film 'In achtzig Tagen um die Welt' gedreht worden, nämlich Paris ohne große Umgestaltung, wo Jackie Chan und andere Künstler da waren. Hier ist in Görlitz der Beethoven-Film, der Papst-Film in der Stadthalle und Ähnliches. Wird immer wieder genutzt als Filmstadt, weil man nicht viel umbauen muss, vieles ist im Original vorhanden."

Einen weiteren Eindruck davon, wie es hier früher ausgesehen hat, bekommen wir, als wir die neue Neiße-Brücke erreichen. Unser Stadtführer deutet auf das gegenüberliegende Ufer, wo bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch noch Görlitz war und man heute mit der Sanierung etwas hinterher hinkt. Aber das soll sich bald ändern.

O-Ton: "Das ist Zgorzelec, der polnische Teil von Görlitz, der am Rande, an der Uferzone, seit dem Mittelalter und davor schon belebt war, und mit Hilfe des Görlitzer Stadtbildpflegers wird jetzt bis 2009 diese Uferzone parallel, passend zu Görlitz, ausgebaut."

Gemeinsam arbeiten sie die Geschichte auf, die Görlitzer links und rechts der Neiße. Gemeinsam, also grenzüberschreitend, haben sie sich auch für den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 beworben. Und dabei hatten sie einige Trümpfe in der Hand.

Zählt die Görlitzer Trümpfe auf

O-Ton: "Die Trümpfe, meiner ganz persönlichen Auffassung nach, sind einmal die lückenlose Baugeschichte einer Stadt aus dem 14. Jahrhundert bis heute, die also hier in historischem Stil erhalten sind, keine Neubauten darstellen, sondern nur auf der Basis des Alten neu errichtet wurden oder restauriert worden sind."

Dazu kam der Gedanke der Völkerverständigung als weiterer Trumpf. Aber dann machte doch die Ruhrgebietsmetropole Essen das Rennen. Die meisten Teilnehmer der Stadtführung von Wolfgang Eckstein sind der Meinung, auch Görlitz und Zgorzelec hätten den Titel verdient gehabt.

O-Töne: "Auf jeden Fall ist Görlitz diesen Wettbewerb wert gewesen und wir hoffen vielleicht auf die Zukunft, denn hier entsteht ja auch was Länder übergreifendes. Ich hab' sogar angenommen, dass sie den 1. Platz machen. Ist leider nicht geschehen, aber vielleicht haben sie ja noch die Möglichkeit in den nächsten Jahren das Ziel zu erreichen, damit sich auch die Arbeit lohnt, die geleistet wurde."

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Sfintu

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